Offener Brief an Innensenator Henkel

Mainz, den 10.11.2014

Sehr geehrter Herr Henkel,

Nachdem ich einige Jahre im kanadischen Theatersystem gearbeitet habe und nun inmitten des Mauerfalljubiläums nach Deutschland zurückgekehrt bin habe ich die öffentlichen Feierlichkeiten mit viel Interesse verfolgt. Erlauben Sie mir deshalb einige Gedanken zu Ihrem Gastkommentar zur Inszenierung „Erster Europäischer Mauerfall“ des Zentrums für politische Schönheit im Tagesspiegel vom 8.11.2014.

“Darf ein Theater Komplize sein, wenn es um die Entehrung von Mauertoten geht“, möchten Sie in Ihrem Artikel wissen. Diese Frage gilt es aber nicht zu beantworten, denn das Zentrum für politische Schönheit hat keineswegs die Mauertoten “entehrt” oder deren Würde “mit Füßen getreten” indem es die Kreuze abmontierte und auf Reisen an die EU Außengrenzen schickte. Im Gegenteil—ist es nicht so, dass diese neue Funktion der Kreuze eine explizite Rekontextualisierung und Würdigung des von Ihnen selbst erwähnten “Freiheitsdrangs” der Mauertoten darstellt? Haucht diese Aktion den Toten nicht wieder Leben ein, verleiht ihnen quasi Füße, mit denen sie nun erneut ein “Wagnis” eingehen können? Wie auch Ihre Reaktion belegt, liefert diese Aktion symbolisch betrachtet den Mauertoten schlussendlich eine Art Grenzüberschreitung, die ihnen zum Zeitpunkt ihres Todes nicht gelungen war. Sie stellt somit ein explizites Opfergedenken dar, mehr als ihre statische, festgenagelte Existenz in Berlin könnte.

Geschichte oder gar Erinnerung, wie Jaques Derrida sagt, wird von politischen Mächten kontrolliert. Ihre effektive Demokratisierung kann nur durch folgende Kriterien gemessen werden: die Beteiligung und den Zugang zum Archiv sowie seiner Gestaltung und Interpretation. Geschichte und Erinnerung werden also dann demokratisch, wenn sie in Bewegung geraten—was im Fall dieser Aktion sowohl figurativ als auch tatsächlich der Fall ist. Geschichte wird hier zum Gegenstand der Gegenwart. Um es mit Heiner Müllers Worten zu sagen: Hier werden Tote ausgegraben—um gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Was daran verwerflich oder gar “verabscheuungswürdig” sein soll, ist mir schleierhaft; eher kommt es mir als äußerst demokratisch verantwortungsbewusst vor.

Was ich hingegen “verabscheuungswürdig” finde, ist wie Sie versuchen, das Maxim Gorki Theater zur Rechenschaft zu ziehen, der Institution und seiner Intendantin quasi drohen. Leider habe ich die letzten acht Jahre außerhalb der EU verbracht und somit nicht das Privileg genossen, die deutsche Kunst, insbesondere das deutsche Theater mit meinen Steuern zu unterstützen. Dass in Deutschland die Kunst bisweilen noch eine gesellschaftliche Funktion hat, genau so wie sie es in den letzten Tagen gezeigt hat, ist vor allem dadurch bedingt, dass Ihre Kosten (mehr oder weniger direkt) von der Gesellschaft—also von den Bürgerinnen und Bürgern—getragen werden. Diese Dynamik stellt einen direkten Bezug—eine Art Haftung und Verantwortung—zwischen Kunst und Gesellschaft her: Sie erteilt der Kunst ein demokratisches Mandat. Geschichte in Bewegung zu bringen, sie aus ihrer Starre zu lösen und somit zu demokratisieren, entspricht genau diesem Auftrag.

Diese Art von demokratischem Mandat in der Kunst, vor allem aber im Theater, ist in der Welt keineswegs selbstverständlich. Aktionen wie die des Zentrums für politische Schönheit finden nicht überall in der westlichen Welt statt, und lösen vor allem nicht überall diese Art von Debatten aus. Es ist Deutschlands Kultursystem, das die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte kürzlich in der Süddeutschen Zeitung einen “Schatz” nannte, das Deutschlands Demokratie von der anderer Länder unterscheidet, das unaufhörlich, aktiv demokratisiert und somit einen unschätzbaren Wert für die politische Freiheit unserer Bürgerinnen und Bürger darstellt.

Nostalgie und Rückwärtsgewandtheit gibt es in Deutschland in diesen Tagen wirklich genug. Und in gewisser Weise ist das auch vertretbar: Das Jubiläum muss auch gefeiert werden. Dass aber selbst die Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender mit leerer Rhetorik und Rührseligkeiten überflutet sind, ist bemerkenswert und beunruhigend. Somit sind Aktionen wie die des ersten Europäischen Mauerfalls umso wichtiger. Dass es in Deutschland noch Künstlerinnen und Künstler gibt, die uns wieder und wieder die eigene Hässlichkeit vor Augen zerren, die wieder und wieder die Toten ausgraben, und dass wir sie mit genau dieser Aufgabe betrauen, das ist die eigentliche, paradoxe Schönheit dieses Landes.

Mit freundlichen Grüßen

Fannina Waubert de Puiseau

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2 comments

  1. Marie-Luise Waubert de Puiseau

    Hallo F.; an einem Samstagnachmittag, den Kopf voll mit anderen Gedanken und müde vom “haushalten” ist es keine leichte Aufgabe, deinen schriftlich formulierten Gedanken zu folgen – zumal ich die Auslöser nicht gesehen/gelesen habe. Aber das, was ich verstehe finde ich nachvollziehbar; die Aufgabe der Kulturschaffenden sollte m.E. nicht “Brot und Spiele” sein, sondern eher “Spiegel und Seele”. Es ist in der heutigen Zeit schon schwierig genug Theater zu schaffen und sollte dann also auch einen angemessen wichtigen Platz angeboten bekommen, einnehmen und innehaben. Die Tatsache, dass Bild, Klang, Raum und wirkliches Leben in Echtzeit geteilt werden können und unmittelbar wirken, verpflichtet zu mehr als nur der braven Bestätigung des Bestehenden. Gruß ML

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  2. Pingback: Inszenierung „Erster Europäischer Mauerfall“ des Zentrums für politische Schönheit - Bundesarbeitsgemeinschaft Kultur

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